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Podcast in der Lehre

Von Rebecca Froese und Julia Renner

Schritte auf der Spielwiese multimedialer Bildung

In den letzten Jahren hat sich die Podcast-Landschaft stark erweitert und diversifiziert, so dass heute ganz unterschiedliche Akteur*innen Inhalte für unterschiedlichste Zielgruppen zur Verfügung stellen. Rebecca Froese von der Universität Koblenz-Landau und Julia Renner von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hosten seit Sommer 2020 gemeinsam den Podcast „Fokus Frieden“ der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. In ihrem Beitrag geben sie Einblicke, wie Podcasts in der Lehre der Friedens- und Konfliktforschung sinnvoll eingesetzt und gemeinsam mit den Studierenden produziert werden können.

Podcasts sind das Trend-Medium dieser Tage – mitnehmbare Audio- oder Videobeiträge, die sofort abgespielt oder heruntergeladen werden können, um sie genau dann anzuhören, wenn Zeit dafür ist. Besonders deutlich wurde dies durch die COVID-19 Pandemie, die dem Medium Podcast einen regelrecht explosionsartigen Schub brachte. Während Podcasts 2017 noch ein Nischenphänomen waren, hören inzwischen über 10 Millionen Deutsche ab einem Alter von ca. 14 Jahre aktiv Podcasts (Podratings Studie Goldmedia 2020). Infolge der Distanzlehre an den Universitäten werden Podcasts auch zunehmend im universitären Kontext eingesetzt. Welche Möglichkeiten bieten Podcasts für die universitäre Lehre? Wie können Podcasts helfen selbsterarbeitetes Wissen zu verfestigen? Diesen und anderen Fragen werden wir in diesem Blogbeitrag nachgehen.

Podcasts als Wissensressource

Das Studium von wissenschaftlichen Texten – Sammelbandaufsätze, Fachartikel oder Monographien – dominiert den universitären Lehr- und Lernbetrieb in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Podcast können eine wertvolle weitere Quelle zur Aneignung von Wissen bzw. zur Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven sein. Je nach Thema können zum Beispiel Podcasts renommierter Friedensforschungsinstitute, Nachrichtenpodcasts oder Interviewpodcasts mit Expert*innen bereichernd eingesetzt werden. Pädagogische Szenarien der Universität Flensburg zeigen zudem, dass Podcasts willkommene Ergänzungen für Studierende zu klassischen Lehr- und Lernmethoden darstellen. In einem Pilotprojekt wurden über zwei Semester hinweg verschiedene Veranstaltungen an der Universität Flensburg aufgezeichnet und den Studierenden im Anschluss zur Verfügung gestellt. Fast zwei Drittel (72,8%) der Studierenden haben angegeben, dass sie mindestens ein- bis zweimal im Nachgang an die Lehrveranstaltung auf den Podcast zurückgegriffen haben, um das Wissen zu verfestigen, um Unklarheiten zu beseitigen oder um sich auf eine anstehende Prüfung vorzubereiten (Fietze 2009). Ähnliche positive Erfahrungen haben Lehrende und Studierende der Helmut-Schmidt Universität in Hamburg gemacht. Die Studierenden gaben an, dass sie während des Podcast-Studiums keiner anderen Tätigkeit nachgegangen sind, sondern den Podcast zur Wieder- oder Nachholung der Vorlesung genutzt haben. Der Wissenserwerb stand dabei im Mittelpunkt. Studierende reagieren positiv auf Podcasts als Lehrressource, da sie der Auffassung sind, dass Podcasts ein effektiveres Wiederholen des Lernstoffes ermöglicht als Lehrbücher und das Lernen besser unterstützen als eigene Notizen aus den besuchten Veranstaltungen (Evans 2008). Ergänzend zu Aufzeichnungen der eigenen Veranstaltung können auch Podcasts anderer Anbieter*innen als Quelle herangezogen werden.

Lernen durch Hören lautet das Konzept. Podcasts können je nach Lerntyp vor allem bei der Unterstützung der Aufmerksamkeitssteuerung und der Informationsselektion helfen, da Akzentuierungen durch die Vertonung der Information sehr gut darstellbar sind. Des Weiteren werden die Lernenden beim Hören eines Podcasts persönlicher angesprochen als etwa beim Lesen von Texten mit vergleichbarem Inhalt. Die Speicherung bzw. das Behalten der zu verarbeitenden Information werden weiterhin dadurch unterstützt, dass eine Episode so oft wie gewünscht wiederholt werden kann. Ebenso bieten Podcasts den besonderen Vorteil, dass sie von den Lernenden zeit- und ortsunabhängig, und damit weitgehend selbstbestimmt eingesetzt werden können. Positiv ist ebenso zu berichten, dass durch den Einsatz von Podcasts die Bereitschaft an der Teilnahme an Präsenzlehrveranstaltungen nicht zurückgegangen ist. Im Gegenteil, sehen die meisten Studierenden den Podcast auch als Möglichkeit, sich den Lernstoff der Veranstaltung besser und wirksamer aneignen zu können. Evens kommt in seiner Studie zu einem ähnlichen Ergebnis wie die beiden genannten Universitäten: Studierende verinnerlichen den Lernstoff besser, wenn sie diesen durch einen Podcast noch einmal nachhören, anstatt ihn in einem Lehrbuch zu lesen (Evans 2008: 491).

Podcasts als Selbstreflexion und Verfestigung des Wissens

Zusätzlich zur Aneignung von Wissen und der passiven Verfestigung durch das Hören von Podcasts, kann die selbständige Produktion eines Podcasts durch Studierende die Reflexion und Verfestigung des Wissens weiter anregen und Kompetenzen vertiefen. Sie entwickeln beispielsweise Medienkompetenz – nicht nur in Bezug auf die Produktion eigener, sondern auch auf die kritische Rezeption anderer Podcasts. Dabei können die Podcasts, je nach Thema der Lehrveranstaltung und Anforderungen der Lehrenden, in sehr unterschiedlichen Formaten entstehen. Besonders spannend wird es, wenn Studierende angeregt werden, Transferwissen zu produzieren, also entweder das Gelernte auf einen neuen Kontext anzuwenden und vergleichend zu diskutieren, oder aber, das Wissen für eine andere Zielgruppe aufzubereiten. Anders als beim Schreiben einer Hausarbeit, sind sie bei der Aufbereitung des Wissens in Form eines Podcasts gefordert, es an eine bestimmte Zielgruppe anzupassen. Die Inhalte können dabei in diversen Formen, von Fachdialogen für ein interessiertes Laienpublikum bis zu einer Mini-Serie für Grundschüler*innen, aufbereitet und dargestellt werden. Alternativ können die Studierenden auch die Kernpunkte von Diskussionen aus der Lehrveranstaltung zusammenfassen und somit ihre eigene auditive Ressource für die Prüfungsvorbereitung erstellen, während sie gleichzeitig das Gelernte wiederholen und festigen. Je nachdem, wie viel Zeit zur Verfügung steht und wo der Schwerpunkt liegen soll, können die Studierenden „nur“ für die Inhalte Verantwortung übernehmen bzw. als Expert*innen im Podcast zu Wort kommen oder darüber hinaus auch noch Schnitt und Produktion übernehmen. In unseren Lehrveranstaltungen haben wir Dozent*innen oder ein*e studentische Hilfskraft den Schnitt übernommen oder die Studierenden haben mit einem Radiosender kooperiert, der den Podcast aufgenommen und produziert hat.

Wichtig beim Einsatz der Podcasts-Produktion als Methode ist es, die Heterogenität der Studierenden und ihrer Fertigkeiten zu berücksichtigen. Die eigene Stimme aufzunehmen und anzuhören bedeutet besonders für introvertierte Menschen eine Überwindung. Gleichzeitig lebt ein guter Podcast nicht nur vom gesprochenen Wort, sondern vor allem auch von einer guten Vorbereitung und einer guten Umsetzung. Daher ist es ratsam, den Studierenden die Möglichkeit zu geben, ihre Rolle zu finden und sicherzustellen, dass alle Aufgaben (z. B. auch die Hintergrundrecherche, der Schnitt usw.) gleich gesehen und ggf. bewertet (siehe 3.) werden. Außerdem empfiehlt es sich, allen Studierenden zu Beginn eine Einführung in die technischen Grundlagen der Produktion zu geben, sodass alle Studierenden auch ohne vorheriger Podcast-Erfahrung die Chance erhalten, ein gutes Produkt zu erstellen. Die Möglichkeit der Erwerbung von Softskills, sowohl die eigene Präsentation hinter dem Mikrofon als auch die Fähigkeiten zur Wissenschaftskommunikation betreffend, wie auch die technischen Erfahrungen in der Produktion eines Podcasts können explizit in den Lernzielen der Lehrveranstaltung kommuniziert werden. Sie sollten auch in der Kalkulation des Zeitbudgets ausreichend berücksichtigt werden. Ob die verschiedenen Episoden des Podcasts veröffentlicht oder nur innerhalb des Kurses allen Beteiligten zur Verfügung gestellt werden, sollte ebenfalls eine gemeinsame Entscheidung der Gruppe sein. Während manche Studierende von der Möglichkeit der Veröffentlichung motivierter für das Thema werden, sind andere zu schüchtern, sich selbst darzustellen.

Podcasts als Prüfungsleistung

Podcasts können Teil einer Prüfungsleistung sein, zum Beispiel bei der Ausarbeitung eines Portfolios. Die unter 2. genannten Ideen und Kriterien gelten hier gleichermaßen. Zusätzlich muss jedoch bei der Bewertung das Kriterium der Vergleichbarkeit beachtet und transparent kommuniziert werden. Dies beinhaltet die Formulierung klarer technischer Richtlinien und inhaltlicher Anforderungen an den Podcast. Zum Beispiel kann Studierenden eine Leitfrage gegeben werden, welche sie in Form einer Diskussion für ein interessiertes Laienpublikum, oder auch als wissenschaftliche Debatte, realisieren. Alternativ können besondere Zielgruppen von den Studierenden selber definiert werden, für welche dann die Themen der Lehrveranstaltung aufbereitet werden. Eine derartige Prüfungsleistung weicht ab von den klassischen wissenschaftlichen Prüfungsleistungen und bereitet die Studierenden auf Herausforderungen der zielgruppenorientierten Kommunikation in ihrem späteren beruflichen Alltag, ob innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft, vor.

Tipps für die Produktion von Podcasts in der Lehre

Anders als bei der Nutzung von Podcasts als Wissensressource, hat die Podcast-Produktion ganz spezielle Anforderungen an die Lehrenden und die Studierenden. Am allerwichtigsten ist zu bedenken: Podcasts zu produzieren ist aufwändig. Solltest Du mit dem Gedanken spielen, Podcast-Produktion in die Lehre aufzunehmen, stelle Dir zunächst am besten folgende Fragen:

  • Was sind meine Vorerfahrungen mit dem Medium Podcast? Habe ich selber schon Podcasts genutzt oder sogar schon einmal einen Podcast produziert und fühle ich mich wohl und sicher genug, diese Erfahrung weiterzugeben? Hat mir die Nutzung und Produktion selber Spaß gemacht?
  • Ist die Anzahl der Studierenden in meinem Kurs klein genug (idealerweise nicht mehr als 15-20 Studierende), damit ich alle Gruppen in ausreichender Form während der Podcast-Produktion in und ggf. auch außerhalb der Lehrveranstaltungszeiten betreuen kann?
  • Habe ich das technische Know-How, um Studierende bei der Produktion zu unterstützen, oder stehen mir Tutor*innen zur Seite, die diese Betreuung übernehmen könnten?

Nichts ist frustrierender, sowohl für die Studierenden als auch für die Lehrenden, als eine gute Idee, die aufgrund von Zeitmangel oder Mangel an technischer Expertise nur unzureichend umgesetzt werden kann. Daher ist es wichtig, diese Fragen ganz zu Beginn der Entwicklung der Lehrveranstaltung zu stellen und realistisch zu evaluieren. Danach kann es an die praktischere Planung gehen:

  • Planung/Vorbereitung: Zunächst müssen die Studierenden den Lehrstoff kennen, bevor sie ihn in einem Podcast verarbeiten können. Daher beginnt die Produktion des Podcasts idealerweise zwischen der 5. und 10 Semesterwoche und wird vor Beginn der Klausurenphase abgeschlossen. Die Fragestellung/Anforderungen an den Podcast sollten zu Beginn klar formuliert werden (siehe oben), vor allem wenn die Ergebnisse bewertet werden sollen.
  • Aufnahme: Die Qualität der Mikrofone der meisten Smartphones ist ausreichend für die Ansprüche an die Audioqualität für Podcasts in der Lehre. Auch wenn wir nicht davon ausgehen dürfen, dass alle Studierenden ein Smartphone besitzen, so kann dennoch bei der Gruppenzusammensetzung darum gebeten werden, dass mindestens ein Smartphone pro Gruppe vorhanden ist. Alternativ können die Studierenden sich auch über Platformen wie Zoom oder Skype zusammensetzen. Noch bessere Audioqualität bieten online Plattformen wie Zencastr (kostenlose Nutzung während der COVID-19 Pandemie) oder Riverside (kostenpflichtig), da sie getrennte Audiospuren von allen Gesprächsteilnehmer*innen aufnehmen und sich damit Störgeräusche oder Unterbrechungen leichter rausschneiden lassen. Teilweise bieten diese Plattformen auch Funktionen für die Postproduktion an. Damit ist die Podcast-Produktion auch eine gute Methode für die digitale Lehre.
  • Schnitt: Bei der Auswahl der Programme für den Schnitt der Audiospuren sollte beachtet werden, dass mindestens ein Programm vorgestellt wird, welches frei verfügbar ist und somit allen Studierenden zur Verfügung steht. Wir haben gute Erfahrungen mit dem Programm Audacity gemacht, zu welchem auch ausführliche Videoanleitungen auf Youtube zu finden sind. Die Lehrenden sollten sicher genug in der Bedienung des Programms sein, um selber eine kurze Einführung geben und bei kleineren Problemen unterstützen zu können.
  • Veröffentlichung (optional): Die Priorität der Podcast-Produktion sollte in der Wissensaneignung der Studierenden liegen. Dennoch kann es auch ein Anreiz sein, die Möglichkeit der Veröffentlichung einzelner Folgen in Aussicht zu stellen. Wenn absehbar ist, dass der Kurs mehrfach gegeben wird, könnte der/die Lehrende einen Kurs-Kanal bei einem Podcast Hoster einrichten. So können auch nachfolgende Kurse auf die Folgen vorhergehender Kurse zugreifen, daraus und damit lernen und sich inspirieren lassen. (Auch können vor der Phase der endgültigen Fertigstellung Feedbackschleifen eingebaut werden, die die Studierenden anregen, ihre eigenen Gruppenprozesse zu reflektieren und anderen Gruppen Feedback zu geben bzw. noch offene Fragen zu stellen, die im Podcast vielleicht noch beantwortet werden können.) Ob und wenn ja welche Folgen veröffentlicht werden, sollte allerdings die Entscheidung der Studierenden sein und nicht in die Bewertung einfließen.

Podcasts sind ein sehr flexibel einsetzbares Medium, welches in der universitären Lehre an Popularität gewinnt. Während viele politische Bildungsakteure eigene Podcasts produzieren, werden Podcasts in der Lehre bisher hauptsächlich als Wissensressource verwendet. Dieser Beitrag zeigt, dass es sich lohnen kann, mit Studierenden gemeinsam Podcasts zu produzieren. Studierende lernen wissenschaftliche Erkenntnisse für verschiedene Zielgruppen verständlich und lebendig aufzubereiten und generieren so Transferwissen. Wenn sie dies in Gruppen tun, liegt darin darüber hinaus Potential für eine stärkere Aktivierung in der universitären Lehre.

Dieser Beitrag erschien als Erstveröffentlichung auf Lehrgut – Ein Blog für Lehrende der Friedens- und Konfliktforschung. Wir bedanken uns für die Erlaubnis zum Repost.

Literatur

Evans, C. (2008). The effectiveness of m-learning in the form of podcast revision lectures in higher education. Computers Education, 50, 2, S. 491–498.

Fietze, S. (2009). Podcasting in der Hochschullehre: Eine Evaluation an der Universität Flensburg In: Schwill, A und Apostolopoulos, N. Lernen im Digitalen Zeitalter Workshop-Band. Dokumentation der Pre-Conference zur DeLFI2009 – Die 7. E-Learning Fachtagung Informatik der Gesellschaft für Informatik e.V. Berlin 2009.

Goldmedia (2020). POD-Ratings.com: Podcasts erreichen in Deutschland ein Millionenpublikum. Online. https://www.goldmedia.com/aktuelles/info/article/pod-ratingscom-podcasts-erreichen-in-deutschland-ein-millionenpublikum/ [zuletzt aufgerufen: 22.04.2021].

Rebecca Froese ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin in der Forschungsgruppe Landnutzungskonflikte der Friedensakademie Rheinland-Pfalz an der Universität Koblenz-Landau. Für ihre Dissertation forscht sie zu Umweltgovernance und Landnutzungskonflikten an der Grenze von Brasilien, Bolivien und Peru.

Julia Renner ist Postdoktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Ressourcenkonflikte in Süd- und Ostafrika, Nachhaltigkeitsforschung und UN-SDGs sowie Theorien in den Internationalen Beziehungen

 

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