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Wachsende globale Ernährungsunsicherheit im Kontext des Ukraine-Krieges

Von Tim Schreck

Die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die globale Nahrungsmittelversorgung werden derzeit in den Medien vielfach diskutiert. Doch stand die Ernährungsunsicherheit schon vorher durch die Pandemie und den Auswirkungen des Klimawandels vor Herausforderungen. Dieser Beitrag betrachtet den wechselseitigen Zusammenhang von (gewaltsamen) Konflikten und Ernährungsunsicherheit. Am Beispiel Kenias werden die Auswirkungen des Ukraine-Krieges sowie bereits bestehende Probleme im Nahrungsmittelsystem eingeordnet und lokale Strategien der Anpassung und Resilienzbildung betrachtet.

Ernährungsunsicherheit im Kontext von Konflikten

Im Angesicht der anhaltenden Auswirkungen der Covid-19 Pandemie auf globale Lieferketten, den vermehrten Auswirkungen des Klimawandels, anhaltender gewaltsamer Konflikte und zuletzt dem Krieg in der Ukraine, an dem zwei der wichtigsten globalen Nahrungsmittelexporteure beteiligt sind, steigt die Zahl der Menschen, die von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung betroffen sind, stetig an1 . Das Erreichen des zweiten nachhaltigen Entwicklungsziels (SDG), bis 2030 eine Welt ohne Hunger zu schaffen, rückt damit in weite Ferne. Dabei sind die Auswirkungen des Krieges zurzeit noch durch Ernten des letzten Jahres gedämpft. Die Entwicklung könnte noch verstärkt werden, wenn zukünftige Ernten komplett ausfallen oder deren Export weiter stark reduziert wird. Das World Food Programme (WFP) schätzt, dass durch die Auswirkungen des Krieges die weltweite Anzahl der Menschen, die von akutem Hunger betroffen sind, um weitere 17 % steigen könnte, mit den größten prozentualen Anstiegen von über 20 % in Afrika. In der Definition der FAO wird dabei deutlich, dass Ernährungssicherheit nicht allein durch ausreichende globale Nahrungsmittelproduktion erreicht wird, sondern vor allem der Zugang der Menschen zu den Produkten entscheidend dafür ist, ob diese von Hunger betroffen sind oder nicht (FAO, 1996). Denn trotz Konflikten, Pandemie und Klimawandel ist die Menge der weltweit produzierten Nahrungsmittel ausreichend, um die gesamte Weltbevölkerung ernähren zu können. Auch wenn die direkten Folgen dieser Krisen auf die Produktion ihren Teil beitragen, sind vor allem die Auswirkungen auf die Märkte und die Nahrungsmittelpreise bedeutend, welche vor allen für arme Bevölkerungsgruppen den Zugang zu ausreichend und geeigneter Nahrung einschränkt.

Als häufigste Ursache für Ernährungsunsicherheit gelten gewaltsame Konflikte. Unter den 13 größten Ernährungskrisen im Jahr 2019 wurden zehn direkt durch solche verursacht. 60 % aller von Hunger betroffenen Menschen leben in Ländern, die von gewaltsamen Konflikten betroffen sind. Diese wirken dabei direkt über bewusste Zerstörung landwirtschaftlicher Flächen oder Vertreibung der Menschen ihres Landes, oder indirekt als strukturelle Konsequenz von Kriegen, die den Lebensunterhalt der Menschen sowie Nahrungsmittelmärkte stören oder zerstören können. Es kommt zu Preissteigerungen, während die Kaufkraft der Bevölkerung sinkt.

Umgekehrt werden Konflikte in Form von Protesten oder Aufständen auch durch Ernährungsunsicherheit angetrieben. In solchen Konflikten geht es häufig um Zugang zu Land und Wasser. Außerdem wird die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit erhöht, wenn genügend Nahrung vorhanden ist, welche sich die Bevölkerung aber nicht leisten kann. Im Zuge steigender Lebensmittelpreise, mitverursacht durch klimabedingte Missernten, kam es bereits 2008 in mehreren Ländern zu „Brotaufständen“. Auch 2011 kam es zu einer Häufung und Intensivierung von Aufständen, nachdem die Nahrungsmittelpreise im Vorjahr gestiegen waren. Ernährungsunsicherheit ist dabei nicht der alleinige Grund oder die Hauptursache für Proteste. Sie kann aber als Trigger oder Multiplikator gesehen werden, sodass die Wahrscheinlichkeit und Intensität gewaltsamer oder sogar bewaffneter Konflikte erhöht wird, wenn bereits ökonomische oder politische Missstände vorhanden sind (Winne & Peersman, 2021).

(Gewaltsame) Konflikte und Ernährungsunsicherheit bilden somit einen Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist und der sich durch Vertreibung und Migrationsbewegungen auch in Länder außerhalb der ursprünglichen Konfliktregion ausweiten kann. Umgekehrt kann Ernährungssicherheit auch Frieden fördern und sich damit wiederum positiv auf Märkte und die Nahrungsmittelversorgung auswirken (Hendrix & Brinkman, 2013).

Die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf das globale Nahrungsmittelsystem sind eng mit dem Umfang der Exporte und der Bedeutung der Produktionsgüter verbunden. Zum einen sind mit Weizen und Speiseöl wichtige Bestandteile der Grundnahrungsmittel vieler Menschen betroffen. Die Exportanteile Russlands und der Ukraine am Weltmarkt belaufen sich auf 30 % bei Weizen und 80 % bei Sonnenblumen. Andererseits wird weniger Düngemittel exportiert, wodurch auch die Binnenproduktion anderer Länder von globalen Preisanstiegen betroffen sein wird. Dies hat jetzt schon direkte Auswirkungen auf die weltweiten Preise landwirtschaftlicher Produkte, welche bereits im Kontext der Covid-19 Pandemie gestiegen sind. Der FAO Food Price Index erreichte im März 2022 einen Rekordwert seit seiner Einführung 1990. So sind zwischen Februar und März die Preise für Getreide und Pflanzenöl um 17 % bzw. 30 % gestiegen. Hinzu kommen die deutlich erhöhten Kosten für Düngemittel und Kraftstoffe.

Ukraine-Krieg: Ein Problem unter vielen in Kenia

In vielen afrikanischen Ländern kommen Preisanstiege und Nahrungsmittelverknappung durch extreme Wetter- und Klimaereignisse, wie Fluten und Dürren, hinzu. Die Auswirkungen von Krieg und Pandemie treffen hier auf Ernährungssysteme, die schon seit längerer Zeit unter Druck stehen. Kenia kann hier als Beispiel herangezogen werden. Hier sind bereits 7 von 10 Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen. Wie die meisten afrikanischen Länder ist Kenia ein Nettoimporteur von Nahrungsmitteln. So bezieht das Land auch 85 % des Weizens aus Importen, davon 36 % aus Russland und der Ukraine. Auch andere Getreidesorten sowie Düngemittel werden zu einem Großteil aus diesen beiden Ländern bezogen. Kenia ist damit zwar weniger abhängig von russischen und ukrainischen Importen als andere afrikanische Länder, dennoch machen sich auch hier die globalen Preisanstiege bemerkbar und es kann daher als Beispiel für Auswirkungen auf die Region betrachtet werden.

Die Preisentwicklungen sind hier kein neuer Trend. Durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Versorgungsketten ist der Preis von Dünger und Nahrungsmitteln bereits zuvor deutlich angestiegen. Maßnahmen rund um die Pandemie führten in vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, wie Kenia, zur Rezession. Dadurch sind global Auslandsverschuldungen gewachsen und die Fähigkeit von Investitionen in wirtschaftliche Erholung und Sozialschutz sind gering. Hinzu kommt, dass durch geringe Regenfälle im März und April das dritte Dürrejahr in Folge die Ernteerträge bereits um 70 % zurückgehen ließ. Zudem ist besonders die ländliche Bevölkerung von Landnahmen durch internationale Unternehmen betroffen, durch die sie ihren Zugang zu Land und die Möglichkeit zur Subsistenzwirtschaft verlieren (Makutsa, 2010).

Als Land, dessen BIP zum größten Teil aus dem Export landwirtschaftlicher Produkte (u.a. Tee und Kaffee) besteht, wirkt sich die Kombination von steigenden Düngemittelpreisen und Extremwetterereignissen besonders deutlich auf die Wirtschaft aus. Im Nahrungsmittelsektor betrug daher die Inflationsrate im März 2022 fast 10 %. Von solchen Preissteigerungen sind besonders geringverdienende Bevölkerungsgruppen betroffen, bei denen der Kauf von Nahrungsmitteln bereits den größten Teil der Ausgaben ausmacht und die nicht von staatlichen sozialen Schutzmaßnahmen unterstützt werden. Dies umfasst in vielen afrikanischen Ländern, wie auch in Kenia, die Mehrzahl der Bevölkerung. Menschen, die bereits durch die Auswirkungen der Covid-19 Pandemie von Armut betroffen sind, müssen sich zum Beispiel anpassen durch die Umstellung auf Lebensmittel niedrigerer Qualität, Reduzierung der Nahrungszunahme oder Reduzierung von Ausgaben in anderweitigen Lebensbereichen, wie Gesundheit und Bildung. Daher kam es in sozialen Netzwerken bereits vor Beginn des Ukraine-Krieges zu Protestaktionen gegen die steigenden Lebensmittelpreise. Unter dem Hashtag „lowerfoodprices“ kritisierten Kenianer*innen die Regierung, der sie vorwarfen, unfähig zu sein, dem Anstieg der Lebensmittelpreise entgegenzutreten, wodurch die Lebenssituation der Bevölkerung unerträglich geworden sei.

Staatliche und nicht-staatliche Lösungsansätze

Um Kosten zu drosseln, können Staaten versuchen Preise für Haushaltsmittel zu subventionieren. Häufig stehen die Länder aber unter Druck durch den IWF mehr Einnahmen zu generieren und sehen sich gezwungen, Steuereinnahmen über Haushaltsmittel aufrecht zu erhalten oder zu erhöhen. Auch Exportstopps sind keine nachhaltige Option, da dadurch die globalen Marktpreise weiter ansteigen können. Den Staaten bleibt die Ausweitung der Lebensmittelnothilfe und die Investition in Sozialschutzsysteme, was für viele im Kontext der wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid19-Pandemie schwierig erscheint.

Um Ernährungssicherheit nachhaltig zu fördern, betonen die Vereinten Nationen den besonderen Wert der Unterstützung von lokalen Landwirt*innen, die häufig selbst von Ernährungsunsicherheit betroffen sind, global gesehen aber etwa die Hälfte der Kalorien produzieren und auch in Kenia den Großteil der Bevölkerung ausmachen. Die Vereinten Nationen betonen vor allem in Ländern mit hohem Konfliktpotential die Schlüsselrolle der Landwirt*innen in der Konfliktprävention. Da sie in lokalen Märkten agieren, wird zugleich das zivilgesellschaftliche und soziale Engagement gefördert, lokale Ökonomien gestärkt und damit können resilientere und friedlichere Gemeinschaften entstehen. Für nachhaltige Ernährungssicherung ist es daher wichtig, dass diese Gruppen langfristig unterstützt und geschützt werden.

In Kenia sind 40% der gesamten und 70% der ländlichen Bevölkerung im landwirtschaftlichen Sektor tätig. Hier gibt es bereits zahlreiche NGOs, die sich um Unterstützung der lokalen Bevölkerungen bemühen und versuchen die Ernährungssicherheit zu fördern. Dabei legen NGOs, wie RODI Kenya, besonderen Wert auf die nachhaltige Produktion und die Wiederbelebung traditioneller Landwirtschaft. Die Bedeutung von nachhaltiger Landwirtschaft nimmt im Kontext von dauerhaften Ertragsrückgängen zu, welche im ‚konventionellen‘ Anbau immer mehr zunehmen. Das Zurückgreifen auf traditionelle Techniken und Arten hat dabei den Vorteil, dass sie häufig besser an das lokale Klima angepasst sind und auch resilienter gegen Veränderungen im Zuge des Klimawandels sind.

Traditionelle Techniken werden zudem häufig mit modernen nachhaltigen Anbauformen, die als besonders effizient und resilient gegen klimatische Veränderungen gelten, kombiniert. Ohne den Zusatz von Chemikalien wird so die Abhängigkeit der Landwirt*innen von Importen verringert. Bibakenya ist ein Beispiel für NGOs, die ihren Fokus auf die Saatgut-Souveränität der lokalen Landwirt*innen legen. Hier stehen Diversität und Wiedereinführung traditionellen Saatguts im Vordergrund. Das Saatgut wird über lokale Märkte gehandelt und in gemeinschaftlichen Samenbanken aufbewahrt. Dadurch wird nicht nur die Ernährungssicherheit einzelner gestärkt, sondern auch die gemeinschaftliche Zusammenarbeit gefördert und damit potenziell lokalen Konflikten vorgebeugt.

Der Erfolg solcher Projekte ist aber abhängig vom rechtlichen Rahmen. So können nicht registrierte Landwirt*innen in Kenia durch Gesetze, wie dem „Seeds and Plant Varieties Act“, nicht an Regierungssystemen teilhaben. Die Kontrolle internationaler Unternehmen über lokale Landwirt:innen wird dadurch gesteigert und eine Produktabhängigkeit geschaffen. Außerdem sind unter dem „COMSHIP Plan“ (COMESA2 Seed Harmonization Implementation Plan) Richtlinien geplant, durch die eine afrikaweite Harmonisierung der Saatgutpolitik angestrebt wird. Unter diesen Regelungen wird lediglich konventionelles Saatgut anerkannt, welches im Besitz transnationaler Unternehmen liegt.  

Fazit: Souveränität, Anpassung und Resilienz gegen den globalen Druck

Angesichts der steigenden globalen Ernährungsunsicherheit kann die Stärkung von Souveränität und Resilienz lokaler Landwirt*innen eine Schlüsselfunktion spielen. Durch den Ukraine-Krieg wird der Druck auf das globale Ernährungssystem, welches aufgrund von Pandemie und Klimawandel bereits angeschlagen ist, weiter erhöht. Die aktuellen Preissteigerungen sind dabei nur ein Vorgeschmack zu denen, die drohen, wenn zukünftige Ernten in der Ukraine ausfallen und Exporte weiter eingeschränkt bleiben. Durch die wachsende Anzahl an Menschen, die durch die resultierenden hohen Nahrungsmittelpreise von Ernährungsunsicherheit betroffen sind, steigt das Konfliktpotential in Ländern, in denen bereits jetzt ein großer Teil der Bevölkerung unter ökonomischen und politischen Missständen leidet. Hier wird deutlich, wie abhängig und benachteiligt Bevölkerungen von globalen Märkten und Preisschwankungen sind. Lokale NGOs versuchen bereits ihren Teil beizutragen und die Bevölkerungen resilient gegen äußere Einflüsse zu machen und die Ernährungssicherheit trotz globaler Krisen zu stärken. Dazu dürfen die nationalen und internationalen Rahmenbedingungen allerdings nicht restriktiv auf die Anpassung und Souveränität der Bevölkerung wirken. Angemessene Ernährung ist ein Menschenrecht, dessen Gewährleistung sich nicht nur positiv auf Gesundheit und Lebensqualität auswirkt, sondern auch zum friedlichen Zusammenleben der Menschen beiträgt.

Über die Autor*innen

Tim Schreck studiert im Bachelor Geographie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Im interdisziplinären Bereich belegte er Ethnologie und Politikwissenschaft. Er arbeitet an der Friedensakademie RLP als wissenschaftliche Hilfskraft.

Fußnoten

1 Hochrechnungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gehen davon aus, dass 2021 zwischen 702 und 828 Millionen Menschen von Hunger betroffen waren, ein Anstieg von etwa 150 Millionen seit 2019 (FAO, IFAD, UNICEF, WFP and WHO, 2022, S.10).

2 COMESA = Common Market for Eastern and Southern Africa

Literatur

FAO. (1996). World Food Summit: Rome Declaration on World Food Security and World Food Summit Plan of Action: FAO.

FAO, IFAD, UNICEF, WFP and WHO. (2022). The State of Food Security and Nutrition in the World 2022. Repurposing food and agricultural policies to make healthy diets more affordable Rome, FAO. https://doi.org/10.4060/cc0639en

Hendrix, C., & Brinkman, H.-J. (2013). Food insecurity and conflict dynamics: Causal linkages and complex feedbacks. Stability: International Journal of Security and Development, 2(2).

Makutsa, P. (2010). Land grab in Kenya: Implications for smallholder farmers. Nairobi: EAFF Research Report, Eastern Africa Farmers Federation.

Winne, J. D., & Peersman, G. (2021). The impact of food prices on conflict revisited. Journal of Business & Economic Statistics, 39(2), 547-560.

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